Walk-in ist der Branchenbegriff für ein Tattoo ohne vorher vereinbarten Termin: Du kommst spontan ins Studio, besprichst dein Motiv und wirst am selben Tag tätowiert. Die meisten Kunden kennen das Wort gar nicht, deshalb sagen wir lieber, worum es wirklich geht: spontane Termine. Ein Tattoo an dem Tag, an dem du es willst.
Was viele nicht wissen: In der Tattoo-Branche galt es jahrelang als schlechtes Zeichen, wenn ein Studio Walk-ins angeboten hat.
Das kommt aus einer Zeit, in der Tattoo-Studios private, fast intime Orte waren. Ein Termin beim Tätowierer war etwas Exklusives, man hatte das Studio und die volle Aufmerksamkeit des Artists für sich. Diese Ruhe während einer Session ist tatsächlich etwas Schönes, das verstehe ich bis heute.
Aber daraus entstand eine ungeschriebene Regel: Wer Walk-ins anbietet, hat Löcher im Kalender. Und das Spannende daran: Es ging dabei meist gar nicht um die Kunden. Gefürchtet war vor allem das Urteil der eigenen Branche. Was denken die Kollegen im Studio? Was sagen andere Tätowierer, wenn ich Walk-ins anbiete? Wirke ich dann wie jemand, der nicht gefragt ist?
Die Folge war absurd: Selbst Tätowierer, die freie Tage hatten, haben keine Walk-ins angeboten, nur um vor Branchenkollegen nicht als schlecht gebucht dazustehen. Der Stolz auf die eigene Gefragtheit war wichtiger als der Kunde, der spontan ein Tattoo wollte, und wichtiger als der Umsatz an diesem Tag. Viele konnten sich das auch leisten, weil sie an anderen Tagen gut verdient haben. Aber gut für den Kunden war das nie.
Heute sind Tattoo-Studios keine Hinterzimmer mehr, sondern professionelle Ladenlokale mitten in der Stadt. Studios wie unsere haben viele Plätze und unterstützen die Künstler dabei, ihre Zeiten gut zu organisieren: so, dass Kunden möglichst schnell und entspannt ihren Termin bekommen, und die Artists gleichzeitig ohne Stress arbeiten können.
Natürlich steckt dahinter auch ein kaufmännischer Gedanke, das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Aber der eigentliche Kern ist ein anderer, und das ist meine Erfahrung aus knapp zehn Jahren in der Tattoo-Industrie: Kunden wollen heute nicht mehr wochenlang auf einen Termin warten. Und sie sehen lange Wartezeiten auch nicht mehr als Beweis für Qualität.
Als ich Anfang 2020 ins Unternehmen gekommen bin, direkt zum Start unseres Flagship-Stores in Wien, haben wir ein Muster erlebt, das mich gestört hat. Es war nicht so, dass das Studio durchgehend voll war, Corona hat uns phasenweise durchaus zu schaffen gemacht. Aber bei einzelnen Tätowierern haben Kunden trotzdem 8 oder 12 Wochen auf ihr Tattoo gewartet: Diese Artists waren so mit dem Abarbeiten laufender Projekte beschäftigt, dass neue Anfragen liegen geblieben sind. So haben sich die Wartezeiten immer weiter nach hinten geschoben, obwohl gar nicht alles ausgebucht war.
Viele in der Branche haben genau das als Auszeichnung gesehen: Wer so lange Wartezeiten hat, muss gut sein. Ich habe das anders empfunden. Mir haben diese Kunden leidgetan. Da waren Menschen mit richtig coolen Projekten, voller Vorfreude, und sie mussten monatelang warten. Als Kundenservice fand ich das nicht gut, egal wie schmeichelhaft es fürs Ego war.
Also haben wir nicht die Wartezeit gefeiert, sondern die Kapazität ausgebaut: von 6 Tattoo-Stühlen sukzessive auf bis zu 13 in unserem Wiener Studio. Der Grund war ein Versprechen, das mir persönlich wichtig ist: Wer bei uns anfragt, bekommt seinen Termin innerhalb von vier Wochen. Wenn du einen ganz bestimmten Artist willst, kann es bei einzelnen Ausnahmen auch bei uns 8 bis 12 Wochen dauern. Aber wenn du einen richtig guten Tätowierer für dein Motiv suchst, ist unser Ziel immer: unter vier Wochen.


In den letzten fünf Jahren ist uns etwas aufgefallen: Die Anfragen nach spontanen Tattoos werden immer mehr. Menschen entscheiden sich heute, und wollen es heute.
Deshalb sind wir bewusst noch einen Schritt weiter gegangen und halten in unseren Studios Platz für spontane Termine frei. Aus Marketing-Sicht ist das ein fragwürdiger Schritt, aus Branding-Sicht sowieso, siehe oben. Ich finde es trotzdem richtig. Nicht weil ich allwissend wäre, sondern weil es meiner persönlichen Wahrnehmung von gutem Kundenservice entspricht: Mir ist der einzelne zufriedene Kunde wichtiger als die Brand-Wahrnehmung.
Konkret funktioniert das so: Bei uns werden Termine nicht back-to-back zu knapp eingebucht. Wenn eine Sitzung absehbar um 17 oder 18 Uhr endet, wird danach nicht noch schnell ein knapper Termin hineingequetscht. Diese bewusste Luft hat zwei Effekte. Erstens entsteht kein Stress in der laufenden Sitzung, und genau dieses ruhige, private Termin-Gefühl ist bei einem Tattoo so wichtig. Zweitens entstehen dadurch Zeitfenster, in denen spontane Kunden ihr Wunsch-Tattoo bekommen können. Ja, damit verzichtet man an manchen Tagen auf Umsatz. Aber die Qualität der gebuchten Sitzungen und die Möglichkeit für spontane Kunden sind es mir wert.
Ehrlich ist auch: Wir können nicht jeden Tag garantieren, dass ein Platz frei ist. Aber wir gestalten unsere Kalender so, dass es an den meisten Tagen möglich ist. Für kleinere und mittlere Motive funktioniert das am besten. Ein großes Projekt wie ein ganzer Sleeve braucht weiterhin Planung und einen fixen Termin. Und trotzdem lohnt sich auch dafür manchmal der spontane Anruf: Wenn sich ein Kunde krankmeldet, wird kurzfristig eine ganze Tagessitzung frei. Das ist die Ausnahme und nicht die Regel, aber es kam gar nicht so selten vor, dass jemand genau so spontan zu seiner Tagessitzung gekommen ist. Glück probieren kostet nichts.
Auch wenn es „Walk-in“ heißt: Ich empfehle dir, nicht einfach unangekündigt vorbeizukommen. Ich persönlich bin kein Fan davon, irgendwo zu sitzen und stundenlang zu warten, das kennt jeder vom Arzt. Mach es dir einfacher: Ruf am selben Tag kurz an und frag, ob heute ein Platz frei ist. Dann weißt du in zwei Minuten Bescheid und kommst genau dann, wenn dein Platz bereit ist.
Eines möchte ich klarstellen: Studios, die keine spontanen Termine anbieten, haben deshalb keinen schlechteren Kundenservice. Wer bewusst nur auf Terminbasis arbeitet, um seinen Kunden dieses ruhige, private Session-Gefühl zu garantieren, trifft eine völlig legitime Entscheidung, und es gibt großartige Studios, die genau so arbeiten. Es sind einfach zwei verschiedene Wege. Wir haben uns für unseren entschieden, weil wir mit zwei großen Studios die Kapazität dafür schaffen können, und weil ich glaube, dass Kundenzufriedenheit wichtiger ist als Branchengewohnheiten.
Jörg Sageder ist seit knapp zehn Jahren in der Tattoo-Industrie und führt seit Anfang 2020 die Studios von R. TATTOO X BARBER mit Standorten in Wien und Salzburg: über 200 internationale Artists, 4,9 Sterne bei mehr als 2.400 Google-Bewertungen.
R. / WIEN
R. / Salzburg
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